Inklusives Design

Inklusives Design

Interview mit Doreen Glismann, Senior UX Designerin

Doreen, was ist Dein Job und was gefällt Dir an Deiner Arbeit?

Momentan arbeite ich als UX-Designerin für die App „Mobiles Bezahlen“ im Team „Payment“.

Das Thema Payment ist ein unfassbar spannender Arbeitsbereich. Die Komplexität mit all ihren technischen Details und Systemen sowie die stetige, schnelle Weiterentwicklung im Bereich Banking & Finance ist eine große Spielwiese und für mich als UX-Designerin deshalb sehr abwechslungsreich und herausfordernd.
Durch eine Reichweite von Millionen von Nutzern und der direkten Zusammenarbeit mit dem Kunden ist die Arbeit auch sehr verantwortungsvoll. Stetig kommen neue zukunftsorientierte Themen hinzu, die mich persönlich und fachlich weiterentwickeln.

Gerade erst habe ich eine Vorstudie zum Thema „Barrierefreiheit“ für den Kunden „S-Payment“ ausgearbeitet und mich im Zuge dessen auch mit „Inklusive Design“ auseinandergesetzt. Ein wichtiges Thema, auf dem unser Augenmerk liegen sollte, wenn wir über Innovation und Zukunft in der Produktentwicklung nachdenken…

Was bedeutet Barrierefreiheit? Was ist Inklusives Design und warum spielt es eine wichtige Rolle?

Ich möchte gerne mit einem Zitat von Aline Prinz (Userlutions) beginnen:

„Wenn wir nicht absichtlich einbeziehen, besteht das Risiko darin, unbeabsichtigt auszuschließen.“ Aline Prinz (Userlutions)

Momentan arbeiten wir in unseren Produktgedanken teilweise noch sehr exklusiv. D.h. Wir betrachten eine bestimmte Zielgruppe mit all Ihren vollumfänglichen Bedürfnissen. Innerhalb dessen, schließen wir dennoch bestimmte Menschen aus, sofern unsere Produkte nicht „barrierefrei“ gestaltet sind. Das bedeutet Menschen mit Behinderungen sind unter Umständen von der Teilhabe der Produktnutzung ausgegrenzt, weil sie aufgrund Ihrer körperlichen Einschränkungen (zeitweise, vorübergehend oder permanent) auf Inhalte nicht zugreifen oder Funktionen nicht bedienen können.
Hier setzt nun Barrierefreiheit an. Sie zielt auf die Integration von Menschen mit Behinderungen, meist körperlicher Art ab, um Ihnen die Teilnahme in gesellschaftlichen Lebensbereichen zu ermöglichen.

Niemand möchte das Gefühl haben, ausgeschlossen zu sein. Keiner möchte Menschen bewusst exkludieren, also ist Barrierefreiheit hier bereits ein erster Schritt, die Inklusion zu stärken.

Jedoch gibt es ein noch viel weiteres Feld an Einschränkungen, das sich auf die vielfältigsten, menschlichen Bedürfnissen bezieht und bei Nicht-Einbeziehung ebenso zu einem Ausschluss in der Produktnutzung führen kann.

Und hier bekommt das „Inklusive Design“ mit dem Ansatz, möglichst vielen Menschen die Nutzung eines Produktes zu ermöglichen, eine hohe Relevanz.

Inklusives Design bezieht sich auf die Teilhabe von Menschen, mit und ohne Behinderung und richtet sich viel mehr an ihren unterschiedlichen Bedürfnissen aus.

„Inklusivses Design bedeutet nicht, dass Sie eine Sache für alle Menschen entwerfen, sondern eine Vielzahl von Möglichkeiten zur Teilnahme, damit jeder ein Gefühl der Zugehörigkeit hat.“ Susan Goltsman, Founding Principal of MIG

Es wirft einen holistischen Blick auf die menschliche Diversität und bezieht diese in die Entwicklung von Produkten und Services mit ein. Das beinhaltet Sprache, Geschlecht, Kultur, körperliche Voraussetzungen wie auch andere Aspekte unserer Identität. So werden also die Fähigkeiten, Bedürfnisse und Wünsche von Zielgruppen jenseits des gesellschaftlichen Durchschnitts ebenso mit einbezogen.

Inklusives Design geht also über reine Barrierefreiheit hinaus. (Ein Beispiel: Bietet eine Website die Möglichkeit, mit der Tastatur in einem Formular zu den verschiedenen Gender-Angaben zu navigieren, ist das ein Element der Barrierefreiheit. Kann man darüber hinaus das für sich passende Personalpronomen auswählen, wird es inklusiv.)

Während „Inklusives Design“ das dahinterliegende Mindset beschreibt, kann Barrierefreiheit als ein Set von Attributen inklusiver Produkte verstanden werden.

Was sind die Unterschiede zum „klassischen“ Design?

Was ist „klassisches Design“? Ich wüsste jetzt gar nicht, wie ich es für mich definieren sollte…

Inklusives Design ist jedoch auch kein Design-Stil,- Handwerk oder Form, sondern wirft eher einen ganzheitlichen Blick auf die menschliche Diversität, man könnte es eher als eine Methode einordnen. Inklusives Design bedeutet, Designs so zu gestalten, dass sie auch für zuvor ausgegrenzte Menschen funktionieren.

Warum sollten Unternehmen Inklusive Design mitdenken und in die Entwicklung einfließen lassen?

Ich denke, es ist eine Chance für Unternehmen, die Diversität unserer Gesellschaft abzubilden und weniger Menschen auszuschließen.

Inklusives Design zeigt uns auch die Innovationsmöglichkeiten für Unternehmen in der Produktentwicklung auf. Es kann einen Kulturwandel und einen Wandel in der Wahrnehmung der Art und Weise, wie wir miteinander interagieren, kommunizieren und umgehen, anstoßen.

Ein inklusives Produkt stellt den Menschen an die erste Stelle, indem es respektvolle Kommunikation priorisiert und Inhalte und Funktionen so präsentiert, dass jeder darauf zugreifen und sie verstehen kann.

Unternehmen übernehmen außerdem eine gesellschaftliche Verantwortung, wenn sie Produkte wie Apps, digitale Assistenten, Webseiten etc. entwickeln, die Menschen mit Einschränkungen darin zu unterstützen, ihren Alltag so selbstständig wie möglich zu gestalten.

Ich denke, es liegt in unserer gemeinsamen Verantwortung, diese Barrieren durch integrative Produkte, Dienstleistungen, Umgebungen und Erfahrungen abzubauen.
Des Weiteren wird Exklusivität häufig als USP oder als Marketingmittel eingesetzt, um Produkte und Anwendungen für bestimmte Zielgruppen besonders interessant zu machen. Diese und andere wenig inklusive Ansätze sind vielleicht nicht mehr zeitgemäß und Unternehmen verschenken dadurch viel Marktpotenzial.

Und wenn wir über „Innovationen“ als unternehmerische Erfolgsgeheimnis sprechen, sollten wir bedenken, dass es sich lohnt diesen inklusiven Weg zu gehen und das all die dafür notwendigen Ideen und die Kreativität eine „Innovation“ an sich sein werden, um diese Ausgrenzung zu lösen.

Innovativ zu sein bedeutet nicht immer etwas Neues zu erschaffen, sondern im Alten neue Wege zu finden.

Wie können erste Schritte zum Inklusive Design gegangen werden?

Sicherlich ist die Auseinandersetzung mit dem Thema Barrierefreiheit die Voraussetzung, sowie das notwendige technische Konstrukt, d.h. es müssen die technischen Voraussetzungen geschaffen werden, um auf Hilfsmittel o.Ä. zugreifen zu können. Eine Inklusion ohne Barrierefreiheit ist nicht möglich.

Aber es setzt auch voraus, dass die „Investition“ in inklusives Design erkannt werden muss, um sicherzustellen, dass Produkte für alle funktionieren, die diese Produkte verwenden werden. Egal ob Website, App, Dokumente etc.

Erste Schritte zur Anwendung der Prinzipien des inklusiven Designs bestehen jedoch sicherlich darin, auf die Interaktionen miteinander zu achten und die eigene Verantwortung darin zu sehen, sowie die Entscheidungen aller Führungskräfte und dessen Fokus zu betrachten, um so einem Raum zu schaffen, in dem Menschen diese Prinzipien wirklich zum Leben erwecken können.

  1. „Recognizing Exclusion“ - Ausschluß erkennen
  2. „Learning from Human Diversity“ - Lernen aus der menschlichen Vielfalt
  3. „Solve for One and extend to Many“ - Für einen auflösen und auf Viele ausdehnen

(Quelle: Kat Holmes, Director User Experience Design at Google)

Gibt es bereits Unternehmen, die „Inklusives Design“ leben?

Viele globale Player wie z. B. Microsoft, Google, Apple u.a. haben sich bereits intensiv mit dem Inklusiven Design und Accessibility auseinandergesetzt. Sie haben eigene Guidelines erstellt, unternehmensspezifische Prinzipien abgeleitet oder entwickelt und „leben“ diese in der Entwicklung Ihrer Produkte.

Es zeigt, dass es sich hier nicht einfach um einen Trend oder Ähnliches handelt, sondern das Thema eine weltweite hohe Relevanz besitzt.

Ich möchte gerne mit diesen Zahlen enden… Weltweit gibt es mehr als eine Milliarde Menschen mit Behinderungen. Das sind über 15 Prozent der gesamten Weltbevölkerung. In Deutschland haben wir 7,9 Millionen schwerbehinderte Menschen.

Der Anteil von Menschen mit anderen, vielfältigen Einschränkungen sind in diesen Zahlen gar nicht erfasst…

Bei Interesse und weiteren Informationen zum Thema, stehe ich Euch gerne per Mail: dgl@starfinanz.de zur Verfügung!

Storys

B2B & Digitalisierung

Entdecken Sie unsere Whitepaper-Serie zur Digitalisierung im Firmenkundengeschäft bzw. im deutschen Mittelstand.

Kundenservice mit KI

Wie wir mit Künstlicher Intelligenz das Kundenerlebnis im Support verbessern.